Tag - Atlantik

Atlantik Regatta Horta-Helgoland-Hamburg auf der „Bank von Bremen“

Ich bin die Atlantik Regatta von Horta auf den Azoren über Helgoland nach Hamburg auf der Bank von Bremen unter dem Schiffer Carol Smolawa und 9 weiteren Crewmitgliedern mitgesegelt und möchte mit diesem Bericht einen Einblick in das Segelgeschehen und Bordleben geben.

Die Zeit vor dem Start verbringen wir mit Material-Checks, Sicherheitseinweisung, Trimmschlägen sowie der ein oder anderen Reparatur. Die Künstler unter uns haben die Herausforderung der berühmten Wandmalereien an der Kaimauer von Horta angenommen. Die Regattaleitung hatte bereits mit dem Vorstand des Club Naval Horta Freundschaften geschlossen, die alle Regattateilnehmer zu einer Besichtigung des Regionalparlaments einluden. Am Vorabend des Starts haben wir noch einen netten Abend mit Regattaleitung und den Crews von HASPA und Walross 4 verbracht. Wir waren alle sehr beeindruckt von der Gastfreundschaft und den vielen Reparaturmöglichkeiten, Horta ist das Segelzentrum der Azoren.

 

Da HASPA und Walross noch etwas Vorbereitungszeit brauchten, gab es eine Startverschiebung um 5 Std. Von Land bekamen wir dann noch Wetterhinweise die wir dann mit unseren Erkenntnissen abgleichen konnten. Die Startlinie war interessant ausgelegt, querab Club Naval im Hafenbecken, bevor es dann auf See ging. Bei strahlendem Wetter und 4- 5 Bft ging es los, bei tollen Sichten auf Faial und Pico.  Am Abend und Nachts abnehmende Winde, wir machen aber noch gute Fahrt. Das erste Abendmenü ist ein Travellunch Trockenfutter zum Eingewöhnen.

Am nächsten Tag ein Winddreher, der uns mit Gennaker gute Fahrt bis 18kn machen lässt. Die Wetterentwicklung bleibt spannend, Durchzug von Tiefs und Flautengebieten. Das Wetter ist wie bestes Passatwetter mit blauem Himmel und gutem Wind bis 25kn. Walross und HASPA haben eine nördlichere Route gewählt, wir sind gespannt, wer die bessere Route gewählt hat.

Nachdem im Verlauf des Sonnabends zwei Mal der Schäkel der Gennaker gebrochen war, kommen am zweiten Abend noch Probleme mit Steuerseil und Riß im Groß dazu. Bei 7 Bft und Böen haben wir versucht Steuerseil und Groß zu reparieren, können diese Arbeiten aber aufgrund der nächtlichen Bedingungen nicht zuende bringen. Die Nacht segeln wir nur unter Vorsegel bei achterlichem Starkwind und trotzdem bis zu 15kn Fahrt. Morgens setzen wir die Reparatur fort und können das Großsegel wieder setzen. Bei dieser ersten Bewährungsprobe zeigt sich der gute Teamgeist der Crew. Die Reparierenden werden soweit möglich ein Stück weit vom regulären Wachsystem entlastet, während sich die Freiwachen um die Versorgung der „Arbeiter“ mit Essen, Trinken und Werkzeugen kümmern.

 

So., 02.10. 1540 UTC Passieren der Walross 4 bei 42 Grad 51,5 N, 24 Grad 07,4 W unter Gennaker bei strahlendem Sonnenschein und um die 14kn Wind. Passend zum Wetter ein „exotisches“ Curry-Huhn mit Früchten. Austausch mit Skipper Heinz Aping über Geschehnisse der letzten Nacht. Kurz zuvor mussten wir beobachten, wie den Berlinern das Fall des Code Zero gerissen war. Das Segel selbst konnten sie glücklicherweise einsammeln. Wünschen uns gegenseitig viel Glück bei den anstehenden Aufgaben und gute Winde.

In dieser Nacht geschieht bei einer Patenthalse in einer Schauerböe ein Unfall. Der Großschoter erhält durch die Großschot einen Schlag auf den Kopf. Unser Bordarzt Tycho, immerhin studierter Zahnmediziner, diagnostiziert eine Gehirnerschütterung, verabreicht lindernde Medikamente und verordnet dem Verunfallten einige Tage Kojenruhe.

In den nächsten 2 Tagen segeln wir bei überwiegend achterlichen Winden zwischen 5 und 35kn mit diversen Wechseln des Vorsegels. Wir nehmen nun Kurs auf die Kanaleinfahrt auf. Wegen eines aufziehenden Tiefdruckgebietes nehmen wir von der nördlicheren Route Abstand und gehen zunächst auf direkteren, östlichen Kurs, höher an den Wind. Die Vorräte an Frischnahrung neigen sich dem Ende zu. Wir versuchen uns erfolgreich im Backen von frischem Brot auf dem Gasherd, was in den nächsten Tagen zu einer täglichen Routine wird.

Am 6. Tag geraten wir in einen Tiefkern und damit in eine mehrstündige Flaute. Kurzzeitig schalten wir vom Regatta- in den Cruising-Modus, Spielkarten landen im Cockpit und einige mutige Crewmitglieder nutzen die Gelegenheit für ein Bad im Nordatlantik. Die Wassertemperatur beträgt 18 Grad. Zudem sichten wir heute die ersten Wale seit den Azoren und feiern 10.000 Seemeilen unseres Mitseglers Ecki, der seit der Hinfahrt ab den Kanaren auf der Bank unterwegs ist. Dazu gibt es ein Gläschen Sekt und ein gemeinsames Abendbrot im Cockpit, was der Stimmung an Bord sehr förderlich ist.

In der Nacht zum 7. Tag frischt der Wind wieder auf und weht uns von nun an direkt auf die Nase. Im Lauf des nächsten Vormittags gehen wir Schritt für Schritt ins dritte Reff mit kleinem Vorsegel C4, um die Bank von Bremen etwas aufrechter und damit schneller zu segeln. Unser Bug stampft ordentlich in der Welle und lässt das Geschirr klappern. Wir gewöhnen uns langsam an das „gekrängte“ Bordleben. Auf dieser Reise für uns eine ganz neue Erfahrung bei den bis vor kurzem vorherrschenden achterlichen Winden. Dafür kommen wir gut voran und nähern uns mit 8 bis 9kn Fahrt den Isles of Scilly. Für Abwechslung sorgen nun die zunehmenden Begegnungen mit Fisch-Trawlern, die überwiegend spanischer Herkunft sind und nicht immer der englischen Sprache mächtig, was Kursabsprachen per Funk schwierig gestaltet, da das Schulspanisch einiger Crewmitglieder sich in den hintersten Winkeln des Gedächtnisses zu verstecken scheint. 220 Meilen noch bis Land’s End, wir rechnen damit, die Südwestspitze Englands in einem Tag zu erreichen.

Am Freitagmittag sichten wir die Scilly Islands, kurz darauf die englische Küste von Cornwall. Als Empfangskomitee erwartet uns eine Horde Delphine, die in der Bugwelle der Bank spielen und uns bis zum Sonnenuntergang begleiten. Die Nacht ist für uns eine willkommene Abwechslung mit den Lichtern der Leuchtfeuer und anderen Schiffe.

Wir haben eine nördliche Route dicht unter der englischen Küste gewählt, da hier zunächst der Wind für uns vorteilhafter sein soll. Die Verkehrstrennungsgebiete lassen wir somit alle südlich liegen. Die für die Jahreszeit untypische Ostwindlage lässt uns trotzdem nur langsam die Distanz zum Ziel verkürzen. 

Einige Highlights der Küste wie die Isle of Wight bleiben für uns im Dunklen verborgen, dafür erwarten uns die weißen Klippen bei Dover bei schönstem Sonntagswetter, Sonnenschein und moderatem Wind. An Tag 10 unserer Reise passieren wir den Nullmeridian und zelebrieren dieses mit einem Fläschchen Sekt und einem Wachführerwechsel. Die Enge zwischen Calais und Dover gestaltet sich bei diesem Wetter und überschaubarem Verkehrsaufkommen als unproblematisch. Angesichts der Wetteraussichten mit flauem Wind und diesen noch gegen an, wurde Proviantinventur gemacht.

Zum Mittag wurde ein interessantes Dinner bei Starkwind und heftiger Welle bereitet. Zweimal über den Äquator gefahrener Rotkohl, Corned Beef von den Kap Verden, Kartoffelpüree von den Azoren und Muskat aus Brasilien. Auch wenn das Essen bei der Lage beschwerlich war, hat es uns vorzüglich geschmeckt.

 

Die Probleme mit dem Meerwasser-Entsalzer konnten wir ebenso durch den Austausch eines Vorfilters lösen und haben nun wieder ausreichend Trinkwasser. Am Montag kreuzen wir die belgische und niederländische Küste auf und passieren zahlreiche Bohrinseln und Verkehrstrennungsgebiete. Wir bereiten uns auf die vorhergesagten starken Winde bis 30kn vor, die Crew ist guter Dinge und freut sich auf den Endspurt von rund 150 Meilen bis Helgoland.

Klare Sicht, Mond und Sterne, viel Schiffsverkehr zu schauen, toll beleuchtete Bohrplattformen, wir sind gut durch die Verkehrstrennungsgebiete gekommen.

Das Schiff ist aufgeräumt und vorbereitet für die Böen bis 8 Bft.

Zwischenzeitlich in der Nacht erreichen uns die starken Böen und lassen uns gut Fahrt machen, aber auf den letzten Meilen verlässt uns Rasmus: Mit 2,4 kn schleichen, besser treiben wir Richtung Helgoland, immerhin ist 1,0 Knoten unserer Fahrt dem Tidenstrom Richtung Helgoland zu verdanken.

Durchs Ziel gegangen sind wir dann erst um 05:52:43 und das Kreuz mit dem Kreuzen hat vorerst ein Ende. Seit gestern haben wir genau die Starkwindzone mit 7 Bft Böen (genau gegen an) abbekommen.

Wie wir sehen konnten, hatte HASPA das Glück etwas vor dem Starkwind durchgekommen zu sein und das Walross dahinter.

Nach einem kurzen Erholungsstopp auf Helgoland mit einem ausgiebigen Frühstück und erneuter Segelreparatur waren wir am Mittwochmittag mit vollem Elan bei frischem Wind von vorn Richtung Elbmündung gestartet und erreichten kurz vor Niedrigwasser Cuxhaven, so dass wir bis zur Ziellinie in Hamburg mit dem auflaufenden Wasser mit bis zu 3kn Schub von hinten fahren konnten.

In dunkler Nacht kreuzten wir ab Cuxhaven weiter das Fahrwasser der Elbe auf. Das ganze zur “großen Begeisterung” der Revierzentralen, mit denen wir intensiven Funkverkehr führten und auf die angesichts der jeweiligen Verkehrslage angemessene Position auf der Seeschifffahrtstraße hingewiesen wurden. Das fiel uns allerdings aufgrund der überwiegend hoch am Wind liegenden Kreuzschläge nicht immer leicht. Trotzdem konnten wir durch vollen Einsatz unserer Crew in Kartenarbeit, AIS Verkehrsüberwachung, Ausguck mit Lichterbestimmung und exaktem Steuern alle dichten Passagen der Berufsschifffahrt meistern. Besonders beeindruckend war die am Blankeneser Elbufer hoch über uns aufragende Bordwand eines Frachters in etwa einer Bootslänge Distanz, mehr Abstand gab das Fahrwasser hier nicht her.

Die Einfahrt nach Hamburg mit seiner voll beleuchteten Hafenkulisse absolvierten wir souverän unter Leitung unserer reviererfahrenen Elbsegler mit zahlreichen schnellen Manövern auf engstem Raum.

Kurz vor 0300 am 13.10.2016 ging die Bank von Bremen querab Cap San Diego durchs Ziel, begrüßt mit heißer Suppe und Bier von der den Ausrichtenden und Leitenden der Regatta.

Hinter uns liegen nun 2232 Seemeilen, davon 2210 unter Segeln, mit Wind und Welle aus allen Richtungen, vielen schönen und aufregenden gemeinsamen Momenten auf See.

(Bericht basierend auf Aufzeichnungen von C. Smolawa und S. Dreyer, Fotos R. Schwarz, S. Dreyer, S. Jägers )