Tag - winterarbeiten

Warum treffen sich 20 Segler im Februar an der Ostsee? – Das Restaurierungsseminar für klassische Yachten

Restaurierungsseminar

Sonnabendmorgen 15. Februar 2014, Kiel-Strande: Das Hafenbecken leer, der Himmel grau, die Luft klirrend, der Wind pfeift – 20 Holzboot-Enthusiasten finden sich auf der Werft des Kieler Yacht Clubs ein, um sich für die Pflege und Instandsetzung von Holzbooten fortzubilden. Die Teilnehmer sind Eigner, Vereinsmitglieder oder planen den Erwerb einer hölzernen Yacht und sind teilweise aus der Schweiz, Berlin oder USA angereist, um von den Bootsbaumeistern Uwe Baykowski und Georg Wawerla zu lernen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Die uns erwartenden Themen reichen von Erhaltungsmaßnahmen an Rumpf und Rigg über die Einschätzung des Erhaltungszustandes einer Yacht, der sachgemäßen Anwendung von Lacken und Farben sowie der praktischen Herstellung einiger Bauteile aus Holz.

Wofür ist eigentlich dieses Holzteil?

Halbmodell Folkeboot

Folkeboot Halbmodell

Das Seminar beginnt mit einem strukturellen Überblick über den Bootsrumpf, anschaulich dargestellt anhand eines Folkeboot-Halbmodells. Wir lernen die Zusammenhänge zwischen den auf ein Boot einwirkenden Kräften, die in statische Belastung am Liegeplatz sowie dynamische Belastung beim Segeln unterschieden werden. An dem Halbmodell können wir die genauen Lagen und Verbindungen von Querverbänden wie Spanten, Bodenwrangen und Decksbalken sowie der Längsverbände wie Kiel, Steven, Stringer, Weger oder Totholz entdecken. Wir lernen den Umgang mit der Problemzone der Verbindung von Holz und Metall, ein besonderes Thema bei sogenannten Kompositbauten. Gemerkt habe ich mir, dass man stets verzinkten Stahl oder mindestens V4A Edelstahl verwenden soll, um Elektrolyse zu vermeiden. Die galvanische Korrosion erläutert der Bootsbaumeister am Beispiel von Seeventilen. Auch das Holz allein kann zur Problemzone werden, wie wir an Bildern und Proben von Holzstücken sehen dürfen, die vom Teredo Navalis (Schiffsbohrwurm) oder Schimmelpilz befallen waren. Ich präge mir nochmals ein, immer für gute Belüftung, auch im Sommer, auf der Hoppetosse zu sorgen. Meine tierische Lieblingsbekanntschaft an diesem Vormittag bleibt allerdings das Kielschwein – ein Längsverband auf den Bodenwrangen, der zusätzliche Längssteifigkeit bringt und oft für die Mastaufnahme genutzt wird. Eine Grundregel ist, dass Bauteile in sich immer fest sein sollen (z.B. fest lamellierte Spanten), Bauteile untereinander allerdings flexibel, d.h. genagelt oder gebolzt (z.B. Decksbalken – Balkweger Verbindung), um die auf eine Schiffskonstruktion einwirkenden Kräfte optimal aufnehmen zu können.

Alte und neue Handwerkstechniken

Als nächstes geht es in die Praxis. Ein Spant, der die Beplankung tragende Querverband, soll erneuert werden. Die Form der gebrochenen alten Leiste übertragen wir auf die Arbeitsplatte mittels Straakleiste und Harfe, das sind mehrere dreieckige Holzplättchen, die von der Innenseite mit der Spitze an die Form getackert werden, um den gleichmäßig geschwungenen Schnitt nachzubilden. Der nächste Arbeitsschritt ist das Lamellieren. Hierbei werden mehrere dünne, flexible Mahagonileisten übereinander gelegt und verklebt. Wichtig ist die Anwendung einer „Opferlamelle“ zu jeder Seite, damit das gute Dutzend Schraubzwingen nicht den eigentlichen Spant beschädigen.

Auch die Alternative für die Herstellung von gebogenen Holzformen, das Dämpfen, lernen wir kennen. Das Holzteil wird dabei in einer „Dämpfkiste“ eine ganze Zeit lang mit Wasserdampf aufgeweicht wird, um abschließend ebenso mit Zwingen und viel Muskelkraft (zwei Mann!) in Form gebracht wird.

Weitere Techniken, die wir im Lauf der zwei Tage praktisch lernen sind Propfen und Spunden zum Ausbessern von einzelnen runden bzw. rautenförmigen Stellen im Holz. In diesem Zusammenhang lernen wir den Forstner-Bohrer, Stemmeisen sowie verschiedene Hobel und deren Qualitäten kennen.

Beim Nieten einer Klinkerbeplankung ist wieder voller Körpereinsatz von jeweils zwei Personen gefragt. Jeder Teilnehmer der mag, kann anhand des Einschlagens einer Niete ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Arbeit ein vollständiger Schiffsrumpf mit hunderten oder tausenden dieser kleinen Metallpropfen wohl machen würde.

Gut Werk braucht gut Werkzeug

Beim Abziehen von Lack verstehen wir, warum es Sinn macht in einen kräftigen, verstellbaren Heißluftfön und eine hochwertige Ziehklinge mit Doppelklinge (erhältlich u.a. bei Toplicht) zu investieren.

Allgemein legen die beiden Dozenten Wert auf qualitativ hochwertiges Werkzeug und erläutern zu allen Arbeitsschritten ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Fabrikaten, damit wir als Hobby-Bastler besser entscheiden können, welche Anschaffung lohnt. Weitere Empfehlungen werden u.a. gegeben für Klemmen von Bessey oder HIT oder der Allzweckwaffe Fein Multimaster.

Das Ausleisten eines undichten Plankenganges erledigen wir mit einer Schattenfugsäge, um die alten Nahtreste zu entfernen, sowie dem fachmännischen Verschließen der Naht anhand konischer Leisten. Mit dem Hobel aus englischer Herstellung werden die Nähte abschließend geglättet.

Holz Schleifexperimente

Holz Schleifexperimente

Spruce, Varnish, Epoxy & Co.

Zwischendurch bekommen wir eine Lehrstunde von Uwe Baykowski über die verschiedenen im Bootsbau eingesetzten Holzarten, ihre Eigenschaften, Preise und Bezugsquellen. Die Beschaffung von hochwertigen Hölzern ist eine anspruchsvolle Aufgabe in heutigen Zeiten, wo standardisierte Baumarktwaren den Markt dominieren.

Yachtfarben und Lacke bilden einen eigenen Themenkomplex, zu dem viele Fragen der Teilnehmer auftauchen und geklärt werden können. Wir profitieren von der jahrelangen Erfahrung unserer Seminarleiter beim Aufbau von Unterwasserschiffen mit Primer und dem Imprägnieren von Holzgründen sowie dem „Erfolgsrezept“ für eine glänzende Lackierung der hölzernen Bauteile im Überwasser-Bereich, den sogenannten „Great Classic Look“. Neben der grundsätzlichen Frage, ob mit Öl, einkomponentigem (1K) oder zweikomponentigen (2K) Lack der verschiedenen Hersteller gearbeitet werden soll – eine Frage des Geschmacks oder soll ich lieber sagen des Glaubens – werden Besonderheiten der Produkte wie Epifanes (1K), Hempel (Diamond Varnish 2K) oder Benar (UVR Öl) besprochen. Am Ende des Tages zählen allerdings vor allem der Fleiß, sechs bis acht Schichten Lack sollten es bei einem Neuauftrag schon sein, sowie die Pedanz des sauberen Arbeitens, denn Staub zwischen den Lackschichten ist das größte Hindernis auf dem Weg zu einem makellos glänzenden Ergebnis. Zur Reinigung der Werkstücke wird uns von Aceton dringend abgeraten und die Empfehlung zur Verwendung von Pantasol gegeben, das deutlich milder, aber sehr effektiv sei. Ein vergleichbarer Tipp ist, niemals normales Silikon als Dichtmittel benutzen, sondern immer Dichtmittel auf PU- oder MS-Basis, da die in gewöhlichem Silikon enthaltenen Partikel schlecht für die Verwendung von weiteren Produkten zur Beschichtung sind.

Der Gastvortrag eines Mitarbeiters der CTM GmbH, die u.a. die Harz Produkte von Gurit in Deutschland vertreibt, informiert uns über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Epoxidharzen einschließlich der dazugehörigen Füllmaterialien wie Gewebematten oder Spachtelpulver.

Die Präsentation ist sehr praxisnah mit vielen kleinen Experimenten, bei denen wir Teilnehmer auch selber mitmachen können. Viele auftauchende Fragen können direkt beantwortet werden.

Ein lehrreicher Rundgang

Zwischendurch erhalten wir die Möglichkeit, in zwei kleinere Gruppen aufgeteilt in der an die Werft angrenzende KYC Bootslagerhalle diverse Klassiker zu besichtigen. Unter fachkundiger Aufsicht und Erläuterung begutachten wir die „Lagerstücke“ vom elegant-schnittigen Schärenkreuzer im Topzustand über den sich in Restaurierungs befindlichen Spitzgatter mit dem verrotteten Kiel bis zu hölzernen „Megayachten“, deren jährliche Lackierungsarbeiten allein mehr kosten als einige der Yachten der Teilnehmer wert sind (mich eingeschlossen).

Ein Abend voller Schicksale

Zur Halbzeit des Wochenendseminars – am Samstagabend – einem gemeinsamen Abendessen im Strandhotel, werden Fotos von Rümpfen und Riggs, Innenausbauten und Nahaufnahmen von verrottenen Bauteilen herumgezeigt. Das Interesse für die hinter den Menschen stehenden Schiffe und deren Geschichten ist groß. Die beiden Dozenten haben dazu eingeladen, unsere „Einzelschicksale“ auf den Tisch zu bringen, um individuelle Ratschläge geben zu können, was verständlicherweise mit großer Begeisterung wahrgenommen wird.

Klassiker gibt es auch auf Papier

Der Sonntagmorgen beginnt angemessen mit einer Literaturstunde. Georg Wawerla hat einen kleinen Teil seiner Fachbibliothek mitgebracht und präsentiert einen reich gedeckten Tisch mit Büchern, einige davon nur noch antiquarisch zu erhalten. Aber auch neuere „Klassiker“ sind dabei wie das aus dem schwedischen übersetzte „Holzboote: Renovieren und Instandhalten“ von Thomas Larsson Holzboote: Renovieren und Instandhalten

das Standardwerk Holzbootsbau von Curd W. Eichler Holzbootsbau - Eichler

Gougeon Brothers – Moderner Holzbootsbau Moderner Holzbootsbau  oder den

Lehrheften für den Boots- und Schiffbau vom Verlag für Bootswirtschaft Hamburg. Lehrhefte für den Boots- und Schiffbau

Der zweite Gastvortrag kommt von dem Rechtsanwalt Jochen Kurze aus Flensburg (yacht-recht.de), der uns umfangreich über die juristischen Feinheiten beim Kauf oder Verkauf von Gebrauchtbooten sowie der Beauftragung  von Gutachten oder Reparaturen in Kenntnis setzt.

Ich habe an dem Wochenende sehr viel gelernt und Spaß an dem Austausch mit den anderen Holzboot-Seglern gehabt. Die Möglichkeit einer so intensiven Auseinandersetzung mit den Sorgen und Nöten sowie natürlich auch Freuden der Segelei und Instandhaltung einer klassischen Yacht ist unvergleichlich. Ich kann das Restaurierungsseminar daher jedem Segler einer hölzernen Yacht uneingeschränkt empfehlen. Durch das Erlernte sowie die Tipps von Uwe Baykowski habe ich mir dadurch im letzten Jahr eine größere Reparatur am Kiel zugetraut, an die ich mich sonst nicht gewagt hätte.

Ein Mast in Arbeit in der Werkstatt der KYC Werft

Wer sich für das nächstes Seminar anmelden möchte, findet auf der Website des Freundeskreis Klassischer Yachten weitere Informationen.

Im letzten Jahr hatte ich bei meiner Anmeldung Anfang Januar glücklicherweise einen der letzten Plätze erhalten und könnte mir vorstellen, dass auch in diesem Jahr die Nachfrage wieder entsprechend hoch ist. Der Kurs eignet sich bestimmt auch als gutes Geschenk für Segler. Wer lieber andere Geschenke für Segler sucht, für habe ich hier ein paar weitere Anregungen.

Denjenigen, die es betrifft, wünsche ich viel Muße bei den noch anstehenden Winterarbeiten. Alle anderen dürfen den Winter natürlich auch genießen.

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